Was passiert ist und was sein wird (11/12)

2011

Es ist schwer einem selbst einzugestehen dass man manche Dinge nicht kann. So konnte ich nicht eine Beziehung mit einem Mann führen der als Frau geboren wurde. Diese Tatsache wurde der ersten möglichen Beziehung in diesem Jahr zum Verhängnis. Es war nicht so, als ob ich keine Gefühle für ihn gehabt hätte. Aber eben diese Gefühle machten es unmöglich eine Beziehung zu führen, die mich selbst nicht ausfüllen würde. Das mag egoistisch klingen, aber schließlich geht es dabei auch um mein Glück.

Während ich mich emotional ein bisschen erholte standen Klausuren auf den Programm – die ersten in meinem Studentenleben. Es war aufregend und beruhigend zugleich. Aufregend, weil es neu für mich war seine Leistungen für ein Halbjahr nur durch eine einzelne Note zu erbringen und daher der Erfolgsdruck ungleich größer war. Beruhigend, weil Klausuren viel mehr Ähnlichkeit mit Probearbeiten aus meiner Schulzeit hatten als Hausarbeiten und Essays, von welche letztere es bis Studienbeginn nicht in meinen Sprachgebrauch geschafft hatten.

Nachdem ich mich mehr oder weniger Erfolgreich durch Klausuren gekämpft hatte, war ich psychisch und physisch wieder fit genug um mich auf die Suche nach meinem ganz persönlichen “Ritter auf den weißem Rosse” zu machen. Nach einigen Verabredungen, welche nicht zum gewünschten Erfolg führten, lernte ich Michael auf einer Party kennen. Es war ein glücklicher Zufall dass wir beide zur gleichen Zeit auf den Weg nach draußen waren um eine Zigarette zu rauchen und er, dank des Einflusses von mehreren Wodka-Bull, die letzten vier Stufen der Treppe auf einmal nahm. Aus diesen kleinen Unfall entwickelte eine sehr schöne, sehr stabile, sehr liebevolle Beziehung die bis heute hält.

Im September habe ich meinen kleinen Privatzoo (bis dahin zwei Chinchillas) um eine niedliche Katze bereichert. Nach einigen Tagen stellte sich heraus dass die Katze gar nicht so niedlich ist wie zu Anfang gedacht. So zeigte sie mir auf eindrucksvolle Art und Weise ihren spielerischen und wütenden Charakter, welche sich durch große Kratzer auf meinen Armen und Beinen abzeichneten. Aber bis Weihnachten hatten wir uns gut aneinander gewöhnt und ich habe gelernt immer einen Pulli zu tragen wenn Felix spielen will.

Weihnachten war wie jedes Jahr mehr Stress als Entspannung. Dafür habe ich zum ersten und hoffentlich auch letzten Mal Küchenutensilien geschenkt bekommen. Falls unterm Weihnachtsbaum 2012 wieder ein Kochtopfset steht, gibt es tote! Trotzdem: mit der Familie ein paar Tage verbringen zu können ist schön. Ein paar Tage, nicht mehr.

Silvester wurde in einer Nürnberger Bar, umgeben von 200 feierwütigen Homosexuellen, standesgemäß gefeiert.

2012

Was in diesem brandneuen Jahr auf mich zukommt will ich mir gar nicht ausmalen. Es wird, wie jedes Jahr, seine Höhen und Tiefen haben. Das einzige was ich mir wünsche ist mindestens die gleiche Dosis Glück und Zufriedenheit im letzten Jahr, der Rest lässt sich dann schon aushalten.

Von Belang

Als ich noch im tiefsten fränkischen Urwald wohnte, sagten sich spätestens um 22.00 Uhr Fuchs und Hase „Gute Nacht!“, die Bürgersteige wurden hochgeklappt und das ganze Dorf schlief.

Dort war ich nicht glücklich. Aber um das einzusehen, habe ich eine fast zweijährige Therapie und einen noch unglücklicheren Exfreund gebraucht. Also entschloss ich mich mein Leben zu ändern. Ich kündigte meinen Job, zog Daheim aus und in die Stadt und hab mir ein Studienplatz an der Uni gesucht.

Aber jetzt, fühle ich mich, umgeben von der großen Stadt die niemals wirklich schläft, oftmals einsamer als inmitten des fränkischen Urwalds. Ich verbringe meine Tage und meine Nächte alleine, es sei denn ich habe ein belangloses Treffen mit belanglosen Menschen die mir belanglose Dinge erzählen.

In diese Stadt bin ich gezogen um glücklich zu werden. Aber ich war bis heute noch nicht wirklich glücklich hier. Das liegt nicht an der Stadt, nicht an den Menschen die mich umgeben. Denn ich würde Lügen wenn ich behaupte ich hätte hier keine tollen Menschen kennen gelernt. Aber ich habe zu viel belangloses in meinem Leben.

Was passiert ist und was sein wird (10/11)

2010

Eigentlich fing alles schon im November 2009 mit dem Verlust eines Menschen an, im Dezember wurde es nicht besser. Rückblickend betrachtet kann ich froh sein jemanden gehabt zu haben der mich auffing. Es war nicht mein bester Freund der zu diesem Zeitpunkt eine tragende Rolle übernahm sondern ein Arzt, ein Therapeut. Mein Therapeut.

Im Januar, als ich mit mir und der Welt eigentlich schon fertig war und sich Resignation breit machte, schöpfte ich neuen Mut und Kraft. Es stimmt wohl dass man erst am Boden liegen muss um sich seiner Situation bewusst zu werden.

Ich war unglücklich mit mir, hatte Angst vor anderen Menschen und schloss mich in meinem Zimmer im elterlichen Haus im fränkischen Ödland, fern aller städtischen Zivilisation ein. “Mein Job macht mir schon lange keinen Spaß mehr” sagte ich und meinte damit eigentlich dass er mir noch nie Spaß machte. Was es bedeutet einen “besten Freund” zu haben wusste ich nur aus Filmen und die Personen mit denen ich eine “Sowaswiefreundschaft” pflegte verachtete ich ihn Wahrheit, denn sie waren nur zu den intellektuellen Leistungen eines Einzellers in der Lage.

Unfähig an diesem Zustand selbst etwas zu ändern hörte ich auf den neutralen Rat meines Therapeuten und nahm mir vor die Bekanntschaft mit der einzig intelligenten Person die weder mein derzeitiger Partner, noch Familienangehöriger war, zu intensivieren: Martin. Er nahm mich mit, stellte mich neuen Leuten vor und schon bald hatte ich meine Angst vor anderen Menschen so weit unter Kontrolle um einen Discobesuch oder eine Kneipentouren ohne Angstschweiß zu überstehen. Einigen von meinen neuen Freunden erzählte ich von meinen Problemen. Sie waren erstaunt und konnten mir nicht glauben, was mich nicht wunderte. Ich konnte schon immer gut verbergen wenn es mir nicht gut ging. Schließlich ist keinem damit geholfen wenn ich weinerlich und vor allem verletzlich durch die Welt laufe.

Im April hatte ich mich dank meiner Freunde, mit Martin als sozialem Anker, soweit aufgerappelt dass ich das nächste Problem angehen konnte: mein Job. Meine Kollegen und insbesondere mein Chef gingen mir schon lange auf die nerven, also schlussfolgerte ich dass nicht nur die Firma bei der ich arbeitete das Problem war, sondern auch der Beruf an sich. Eine neue berufliche Ausbildung zu beginnen schien mir ineffizient, schließlich war ich schon 22 und man wird ja auch nicht jünger. Ich entschied mich nach langen überlegen für eine hochschulische, wissenschaftliche Ausbildung und machte damit indirekt mein Hobby zum Beruf. Zwischenzeitlich hatte sich mein Freund von mir getrennt wofür ich im Nachhinein seltsam dankbar bin. Nicht oft endet eine Beziehung die so kompliziert begann wie unsere so unkompliziert und mit so wenig Enttäuschung meinerseits.

Im Juni bekam ich die Studienplatzzusage meiner Wunsch-Uni. So sollte ich ab Oktober Soziologie und Politikwissenschaft in Erlangen studieren, was mich dazu brachte mein drittes, vielleicht größtes Problem anzugehen: meiner Wohnsituation. Ich lebte noch bei den Eltern und Großeltern, drei Generationen unter einem Dach. Trotz der vielen Menschen verlief unser miteinander harmonisch, nicht zuletzt deshalb weil es mehr ein nebeneinander war. Ich liebte sie alle, das tue ich heute noch, aber damals hatte ich das Gefühl auf meine Familie, besonders auf meine Oma, aufpassen und acht geben zu müssen. Aber es half ja alles nichts, um studieren zu können musste ich ausziehen. Also machte ich mich auf Wohnungssuche. Zuerst in Erlangen, doch waren dort, wie sich schnell herausstellen würde, die Wohnungen entweder zu teuer, zu klein, zu weit außerhalb, zu baufällig, oder alles zusammen. So entschied ich mich meine Suche nach meinem zukünftigen Domizil auf Nürnberg zu verlagern. Und wurde im August auch endlich fündig.

Nach einem Monat renovieren und pendeln zwischen alter und neuer Heimat zog ich final um und begann als Pendler zwischen Nürnberg und Erlangen mein Studium. Darauf war ich mächtig stolz und bin es heute noch immer.

Die ersten Wochen verflogen und mir wurde bewusst, dass ich ein neues, wenn auch kleineres, Problem dazu bekommen hatte: ich war Single, und das seit einem halben Jahr! Diesen Zustand wollte ich ändern, nicht zuletzt weil ich mich an menschliche Gesellschaft gewöhnt hatte und ich mir hin und wieder etwas einsam vorkam, in der so viel größeren Stadt. So machte ich mich auf und durchkämmte den schwulen Männermarkt mit dem Ziel jemanden zu finden, mit dem ich die Ewigkeit verbringen kann. Und wenn es dafür nicht reicht, dann wenigstens für ein paar schöne Tage oder zumindest Stunden. Also datete ich jeden der wollte und trank unverhältnismäßig viel überteuerten Kaffee in den verschiedensten Lokalitätet, aber ohne wirklichen Erfolg.

Und dann, ende November, traf ich ihn, Adrian. Wir tranken keinen Kaffee sondern Cocktails und gingen ins Kino. Es fühlte sich gut an. So gut, das ich Martin an Sylvester absagte um den Jahreswechsel mit Adrian zu verbringen.

2011

Im Februar stehen die ersten Klausuren an, die will ich nicht nur bestehen sondern sie auch gut bis sehr gut meistern, das brauch ich für mein Ego. Wenn alles gut läuft habe ich erstmal Frei bis Mai. Was ich mit so viel Freizeit anstelle weiß ich noch gar nicht. Vielleicht tue ich was für mein Konto, das jetzt schon ein paar zusätzliche Euros vertragen würde.

Kalte Hände

Und da ist es wieder, das kribbelige Gefühl in den Fingern welches nicht von der Kälte rührt. Deine Hand in meiner lässt Funken durch die mit Glühweinduft getränkter Luft schlagen. Wir laufen vom Kino durch die helle Weihnachtsbeleuchtung zur nächsten Cocktailbar.

Nach zwei Drinks und vielen gesprochenen Sätzen, weichen wir immer noch den Blicken des anderen aus. Wir haben Angst vor dem, was wir vielleicht sehen könnten. Und so sollten wir uns erst Tage später tief in die Augen schauen, und den Herzschlag des anderen spüren als wir uns küssten.

Spiele

Pünktlich zum Ende der Sommerzeit schleicht sich bei vielen die gewohnte Herbst-/Winterdepression ein. Ich höre Leute wie sie sich über ihren Beruf, ihre Partner, ihre Ex-Partner und ihr ganzes Leben beklagen. Und während sie lästern, meckern und fluchen schaue ich in den Spiegel und frage mich was ich dort sehe.

Ein junger Mann Anfang 20, der dank einiger Sorgenfalten mindestens 5 Jahre älter scheint, mit 3-Tage-Bart und 10 Kilo zu viel auf den Rippen. Etwas grau im Gesicht und noch immer verletzt wegen dem was im letzten Jahr alles geschehen ist. Zu viele Wunden sind noch nicht ganz verheilt, die Baustellen sind noch nicht beendet, da beginnt dieser junger Mann eine ganze Straße neu zu bauen weil ihm die alte zu kurz und zu schmal war.

Ab und an fühlt er sich einsam und nur in Gesellschaft besitzt er genug Kraft seine Sorgen zu vergessen, ein Istmirdochallesegal-Gesicht aufzusetzen und so zu tun als ob es ihm blendend geht. Doch unter diesen dicken Schicht aus Ego, Antidepressiva und Baustellenteer ist er zerbrechlich, fragil und klein. Er macht sich Vorwürfe und muss aufpassen dass die Wut auf andere Personen ihn nicht zerfrisst.

Ich habe in den letzten 24 Monaten viel gespielt. Manche Spiele habe ich gewonnen, manche verloren. Aber ein Spiel gilt es noch zu spielen bevor ich aufgebe: mein Leben.

Midlife Crises

Nachdem sich dieses Jahr für mich gleich zwei Beziehungen (Beziehung eins zu einer bestimmten Person, Beziehung zwei zu meinem Arbeitgeber) als nicht zukunftsfähig herausstellten sind wohl auch einige meiner Freunde der Meinung dass sich was in ihrem Leben ändern sollte.

So hat C. am Samstag mit seinem Freund S. Schluss gemacht. Für einen Tänzer. Für einen 5 Jahre jüngeren Tänzer. Kurz davor hat J. die Beziehung mit ihrem Freund A. beendet weil sie sich nicht mehr glücklich genug fühlte. Vor etwa 2 Monaten hat J. ihren R. in den Wind geschossen weil er den Arsch nicht vom Sofa bekam. M. lässt seine A. in Italien versauern und T. hat festgestellt dass er K. eigentlich nie geliebt hat.

Und was mach ich?
Ich kündige meinen Job, ziehe zu Hause aus und genieße mein Singleleben.

Glaubensfrage

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis zu meinem 18. Lebensjahr mindestens noch fastkatholisch war. Als ich in der sechsten Klasse war und alle meine Mitschüler zur Firmung gegangen sind, habe ich mich geweigert an dieser heiligen Zeremonie teilzunehmen. Und solange man nicht gefirmt ist, ist man ja nicht wirklich katholisch. Sollte ich meinem damaligen Pfarrer glauben schenken, würde ich am Ende meiner Tage allein dafür direkt in die Hölle fahren.

Gott (egal welcher) liebt die Menschen. Das wissen wir, schließlich bekommen wir es oft genug gesagt. Nur der katholische Gott liebt eben nur die Menschen die katholisch, heterosexuell und enthaltsam sind. Regelmäßig Buse tun (nicht zu verwechseln mit Busen) sollten Katholiken auch, obwohl es natürlich das beste wäre wenn man gar keine Sünden begeht. Die Frau hat da eine, sagen wir mal, schwierige Stellung. Schließlich hat Eva vom verbotenen Apfel genascht und deshalb haben alle Frauen „Blutschuld“ die sie auch nicht mehr loswerden können (zumindest soweit ich informiert bin). Das ist vermutlich auch der wahre Grund weshalb es in der katholischen Kirche keine Frauen in das Priesteramt schaffen.

Apropos Priester:
Erst vor kurzem habe ich die „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von Sigmund Freud gelesen. Der Mann hatte echt was drauf. Jedenfalls beschreibt Freud in einem Absatz über Homosexualität dass sie sich in perverser Form aufgrund eines Mangels an passenden Sexualpartnern auch gegen Schutzbefohlene richtet. Nun weiß ich nicht was ich persönlich von dieser Behauptung halten soll, jedoch erkenne ich hier den Unterschied zwischen der Meinung der Wissenschaft (zu Freuds Zeiten) und der Kirche. Ex-Bischof Mixa war es, der die sexuelle Revolution in den 1960ern und 70ern für die Missbrauchsfälle verantwortlich machte. Ich stelle jedoch die These auf, dass ein bisschen mehr sexuelle Revolution innerhalb der katholischen Kirche so manches übel vielleicht hätte verhindern können. Im übrigen ist mir bis Heute nicht zu Ohren gekommen dass irgendein Pfarrer, Bischof, Kardinal oder sonstwas wegen den Missbrauchsfällen von seinem Amt zurückgetreten ist. Selbst Bischof Mixa hat nicht abgedankt weil er sein Verhalten wirklich bedauert, sondern weil er zuerst behauptet hat er habe nie Gewalt angewendet um dann ein paar Wochen später zu sagen dass er die eine oder andere Ohrfeige nicht ausschließen kann.

Eine Bekannte sagte vor kurzem zu mir „die Mitgliedschaft in einer Kirche… das ist wie bei den Chinesen. Die haben auch kein gutes Verhältnis mit der Regierung.“ Als ich dann lautstark auf die Fehler in dieser Ansicht aufmerksam machte, gab sie mir recht. Ihr Glück!

Dass die Kirche, insbesondere die katholische, permanent und mit stolzer Brust gegen (mindestens) eines der zehn Gebote (Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde) verstößt sei nur mal am Rande erwähnt.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu der Kirche. Jeder darf an das Glauben was er möchte. Ich lasse aber nicht zu dass jemand mit seinem Glauben schlechte Dinge rechtfertigt.
Die Kirchen auf dieser Welt haben die Chance gutes zu tun und zu bewirken. Aber genau das tun sie nicht (immer). Sie stützen sich auf ein Buch um ihre diskriminierende und unheilvollen Taten zu rechtfertigen. Ich werde mit der gleichen Deutlichkeit mit der sich die Kirchen zu aktuellen Themen äußern, sie für ihre scheinheiligen Taten kritisieren.